Kohten und Jurten (von Dan Richter)

Eine Geschichte von Dan Richter

...welche vor allem gut beschreibt, wie die Pfadfinder selbst und auch ihre Schwarzzelte manchmal auf ihre Umgebung wirken. Wir finden: Sehr lesenswert! Und sehr liebenswert!

Manchmal werde ich gefragt, ob ich nicht auch mal ohne Bezahlung auftreten mag. Wenn mich die Sache interessiert und der Betreffende nicht im zweiten Satz die Jokerfrage hinterherschiebt, ob man davon leben könne, geschieht es sogar manchmal, dass ich zusage. Die Pfadfinder wollen ihr großes Jahrestreffen 2005 mit Literatur aufhübschen. Sie fragen Ahne, ob er was vorlesen will. Er will, mag aber nicht alleine fahren. Also darf ich ihn begleiten. Pfadfinder! Eine frühere potentielle Bettgefährtin hatte ich mal mit der Frage abgeschreckt, ob Pfadfinder nicht so was wie West-Jungpioniere seien. Es galt also vorsichtig zu sein mit vorschnellen Vergleichen. Auf der Fahrt nach Wolfsburg vertrödeln Ahne und ich uns die Zeit mit Spekulationen über das Pfadfinderleben. Ahne vermutet, sie seien in Wirklichkeit eine kirchliche Tarnorganisation, weil er mal eine schwedische Pfadfinderin kannte, die an den lieben Gott glaubte. Ich bin skeptisch: „Ich glaube, die haben nichts mit der Kirche zu tun.“ „Ich glaube doch.“ „Nein.“ „Doch.“ „Nein.“ „Doch.“ Wir sind so hartnäckige Diskutierer, dass am Ende jeder die Meinung des anderen vertritt.

Der Bahnhof von Wolfsburg ist fast leer. Aber da steht ja auch schon eine nette Dame, die uns abholen will. Sie hört gar nicht auf, uns zuzuwinken. In der Hand hält sie ein in Geschenkpapier gewickeltes Päckchen. „Das ist dann bestimmt für Ahne“, denke ich neidisch. Wir gehen auf sie zu, und gerade, als ich ihr noch vor Ahne das Geschenk entreißen will, rast ein kleines Kind an uns vorbei, umarmt die Dame und bekommt das Päckchen. Ahne guckt neidisch.

In der Bahnhofsvorhalle erkennen wir unser doppelköpfiges Abholteam an der typischen Kleidung und dem Pioniert..., ähh Tuch. Die Frau winkt uns zu, der Mann hält in der Hand ein in Alufolie gewickeltes Päckchen, das aber nicht für uns bestimmt ist, sondern für ihn selbst. Er beißt immer wieder rein, und das Döner-Aroma, das von ihm ausgeht, wird nicht geringer, als sie uns mit dem Auto ins Lager fahren.

Man gibt uns zu verstehen, dass wir gemeinsam mit Kleinstkindern, deren Aufpassern und den technischen Leitern in der privilegierten Zone übernachten dürfen, die sich im Wesentlichen dadurch auszeichnet, dass man sein Essen nicht selber kochen muss. Alle haben professionell aufgebaute Zelte. Außer Dan und Ahne. Bei denen schlabbert die Plane. Ahnes Prophezeiung, dass Pfadfinder ja mit der Natur leben und deshalb früh schlafen gehen und deshalb wiederum die Lesung spätestens um Acht beginnt erweist sich als falsch.

Pfadfinder sind Nachttiere. Wir sollen frühestens 0.00 Uhr beginnen. Wir werden als Poetry Slam angekündigt. Seltsam. Ich dachte immer Poetry Slam heißt Rezitatorenwettstreit. Wenn Ahne und ich gegeneinander antreten sollen, dürfte das ein kurzer Abend werden. Aber nein, sie meinen die Stilrichtung, wie wir erkennen, als wir vom Alibi-Coolen angehey-joht werden: „Was geht?“ „Was?“ „Was geht ab, Man?“ „Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht.“ „Ihr slammt heute?“ „Na, wir lesen vor.“ „Cool, keep it real, Alder.“ Ja, das werden wir wohl versuchen. Dazu müssen wir nur dieses Scheingespräch abbrechen.

Wir erhalten eine kleine Führung durchs Lager und mir schlackern die Ohren von all dem Insiderjargon. Meuten, Stämme, Sippen, Führer, Jurten, Kohten. Kohten? Ich halte es zunächst für eine unappetitliche Angelegenheit, bis sie uns erklären, dass es ihre seltsamen Zelte sind, in denen man Lagerfeuer anzünden kann, ohne zu ersticken.

Die Uniformen, die Fähnchen, die seltsamen Rituale – man kann sich seiner HJ-Assoziationen nicht erwehren. Irgendwie schrecke ich jedes Mal zurück, und doch ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass es mir hier als Kind mehr Spaß gemacht hätte, als im Betriebsferienlager. Nicht etwa, weil das damals zu politisch gewesen sei, vielmehr beeindruckt mich der freundliche Umgang der Kinder untereinander. Bei uns war immer der Kleinere, der mit der dicksten Brille oder der mit dem komischen Bauchnabel generell zum Verkloppen freigegeben.

Das Singen, das gemeinsam Kochen, das In-einem-Zelt-Schlafen, der Umstand dass niemand zum Fußballspielen gezwungen wird, all das hätte mir damals wohl die Pfadfinder sehr attraktiv gemacht. Allerdings muss man hier praktisch alles selber basteln und selber bauen, damit hätten sie mich damals verjagt und tun es quasi auch heute. Ich sehe, dass es keine Zeltstangen gibt, stattdessen werden schmale Baumstämme benutzt. Nicht ohne Stolz erklärt uns unser Führer, allein für dieses Lager seien 6.000 Bäume gefällt worden. „Mit Natur habt ihr wohl nicht so viel am Hut“, wirft Ahne ein. Unser Führer überhört die Provokation.

Der Auftritt rückt näher. Ahne muss noch mal raus zum Pissen. „Willst du die Taschenlampe?“ „Nein.“ „Aber sonst trittst du womöglich in den Schlamm.“ „Nein.“ „Doch.“ „Nein.“ Wir sind kaum fertig mit der Lesung, als ein Junge mit Gitarre, Noten und Notenständer das Zelt betritt. Der Notenständer lebt. Es ist seine Freundin. Er zählt ein: „Eins zwei drei“, und beginnt ein Lied, in das alle einstimmen. Ein volkstümlich anmutender Song, in dem es irgendwie um freie Kosaken geht.

Die nächsten 20 Lieder, in von Freiheit, fahrend Leut, bündisch Volk und immer mal wieder um Kosaken handeln, kenne ich auch nicht. Komischerweise haben sie alle denselben johlend-besserwisserischen Liedermacherton drauf. Da ich die Lieder nicht kenne, vermute ich, dass sie aus Pfadfinderliederbücher stammen. Das ist bestimmt auch noch eine Marktlücke. In Gedanken erstelle ich ein Inhaltsverzeichnis für ein von mir zu schreibendes Pfadfinderliederbuch: - Lied vom fahrend Volk - Wir finstren Kosaken - Kommet mit oder fahrt zum Teufel - Starke Hand und freies Land - Es zieht ein Vogelschwarm mit mir - Fasset zu Gesellen - Katja, du Kosakenbraut - Mein Pferd ist freier als Kosaken sind - Singe tüchtig, Brüderlein - Morgen ist’s, das Ränzlein wird geschnüret. - Warum wir keine Zeltstangen brauchen, sondern lieber Bäume fällen.

Ahne glaubt, nun die Pfadfinder verstanden zu haben – sie stehen in der Kosakentradition. Ich bezweifle das, „Kosake“ steht, so glaube ich, bei denen für irgendeine diffuse Sehnsucht, so wie der Italiener im Liedgut der BRD der 50er Jahre. Aber Ahne lässt sich seine Kosakentheorie nicht ausreden: „Doch.“ „Nein.“ „Doch.“ „Nein.“

Ich gehe schlafen, und wache nach vier Stunden vor Kälte wieder auf. Immerhin – es gibt schon Frühstück und ein warmes kaffeehaltiges Getränk, was sie hier komischerweise „Kaffee“ nennen. Ich frage in der Küche nach einem Teller. Die Antwort erteilt mir eine Frau, die hier, wie ich später erfahre, von allen nur „Drachen-Saskia“ genannt wird, und von der ich mir ziemlich sicher bin, dass sie trotz ihres hessischen Akzents ihre berufliche Sozialisation in der brandenburgischen Gastronomie durchlaufen haben muss: „Teller? Musste dir selber mitbringen.“ „Das wusste ich aber nicht. Ich bin hier nur zu Gast.“ „Die Teller hier haben Schwindsucht, wenn ich dir da einen gebe, dann kommen die anderen auch, und dann ist hier alles weg.“ Ich frage mich, wer „dann auch kommen soll“ und bin versucht, ihr pampig zu kommen, lege dann aber all meinen Charme in meine zen-buddistische Stimme, die versucht, den Gegner mit Liebe zu überrumpeln: „Du kennst dich doch sicherlich aus. Was kann ich da tun?“ „Na, dann nimmst du eben meinen Teller.“

Die beiden Abwäscher, die bisher nur schweigend abwuschen, halten inne und starren Saskia verdutzt an – so viel Liebenswürdigkeit haben sie noch nie von ihr gehört. Sie scheint es zu bemerken, und relativiert sich gleich: „Aber ein Brotschmiermesser haste dann immer noch nicht.“ „Stimmt. Willst du mir deins borgen?“ Aber Saskia hat ihr Großzügigkeitskonto für die nächsten 4 Monate schon gründlich überzogen, also schickt sie mich fort: „Aber nicht die Buttermesser benutzen! Die sind nur für die Butter gedacht.“

Ich belade mir den Teller mit Nutella, Käse, Brötchen und Marmelade und beschmiere alles schön mit dem Buttermesser. Danke für den Tip. Dann gehe ich spazieren. An der Müllecke stehen drei Kinder mit riesigen Mülltüten. Die Müllecke macht aber leider erst in drei Stunden auf. Was tun? Zurücktragen, meint die Neunjährige. Warten, meint der Fünfjährige, der Siebenjährige schweigt. „Wenn wir warten, dann sitzen wir hier ja drei Stunden herum.“ „Das kann sein, aber ich empfinde es zu anstrengend, den Müllsack wieder zurückzutragen, schon das Hertragen hat mir ordentliche Mühe bereitet.“

Ich überlege, wie wir in dem Alter einen solchen Konflikt diskutiert hätten: „Scheiße, Mann, jetzt ist zu.“ „Jehn wa zurück.“ „Bist du bescheuert? Ick latsch do nich den janzen Weg mit den Müll zurück.“ „Bist du n Schlappi oder wat?“ „Du krist wat uff die Schnauze.“ Oder mit Ahne: „Bringen wir den Müll wieder zurück?“ „Nein.“ „Doch.“ „Nein.“

Vor der Abreise brät ein netter Mann für Ahne noch Bratkartoffeln. Vermutlich hat seine Bratpfanne einen Durchmesser von 3 Zentimetern, denn die Prozedur dauert eine Stunde. Auf der Rückfahrt interviewt Ahne noch mal unsere Gastgeber: „Es kann doch kein Zufall sein, dass alle Pfadfinderzelte schwarz sind.“ „Das ist Tradition.“ „Aber warum?“ „Na, das wiederum ist Zufall. Der Pfadfinderzelt-Erfinder hat damals billig schwarze Stoffbahnen gekauft.“ „Aber warum ausgerechnet schwarz?“ „Ich weiß nicht.“ „Was ist denn die Symbolik dahinter?“ „Ich weiß nicht.“ „Wegen der Kirche?“ „Nein.“ „Warum dann?“ „Ich weiß nicht.“

Auf der Rückfahrt erzähle ich Ahne noch von einem Radiointerview, das ich neulich gehört hatte, und in dem es darum ging, dass schwarze Kleidung kurioserweise besser vor der Hitze schützt. „Das kann nicht sein.“ „Doch.“ „Nein.“ „Doch.“ „Nein.“ „Doch.“ „Nein.“ „Doch.“ „Nein.“ Wir erreichen Berlin.

Auf der Seite von Dan Richter findest du auch eine gesprochene Version des Textes Wir danken für die Erlaubnis, den Text auf unseren Seiten zu veröffenlichen.

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